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„Gottes Heil meint den ganzen  Menschen“, sagt Peter Schulte. Im Interview mit ERLEBT erklärt der Theologe und Lebensberater, warum Verkündigung und Seelsorge zwei Seiten derselben Medaille sind und das eine ohne das andere nicht existieren kann.Peter, du bist für nicht nur als Dozent und Pastor, sondern auch als christlicher Lebensberater tätig. Wie kam es dazu? In meinen verschiedenen Diensten für Neues Leben wurde ich im Laufe der Zeit immer stärker in die seelsorgerliche Arbeit eingebunden. Dabei kam ich trotz meiner theologischen Ausbildung immer wieder an Grenzen. Darum entschloss ich mich 2002, eine Zusatz-Ausbildung bei der „BTS Fachgesellschaft für Psychologie und Seelsorge“ bei Professor Michael Dieterich zu beginnen. Hier wurde mir eine ganz neue Sicht auf die seelsorgerliche Beratung geschenkt und auch die richtigen Werkzeuge an die Hand gegeben.

Hauptanliegen von NEUES LEBEN ist ja die Evangelisation. Welchen Beitrag kann Seelsorge für die Verkündigung des Evangeliums leisten? Vor allem viele Erweckungstheologen des 19. Jahrhunderts wie Johann Hinrich Wichern und andere waren davon überzeugt, dass Evangelisation, Diakonie und Seelsorge zusammengehören. Sie wussten: Gott will uns Heil, aber auch Heilung schenken. Diese beiden Grundwahrheiten des Evangeliums darf man nicht gegeneinander ausspielen! Und doch wurde genau das in der Geschichte der Gemeinde Jesu immer wieder getan. So gab es zum einen immer wieder Strömungen, die sich ausschließlich auf die Vermittlung des Heils konzentrierten und dabei Leib und Seele der Menschen vergaßen. Anderseits hat sich die Diakonie besonders im letzten Jahrhundert häufig völlig losgelöst von der Verkündigung entwickelt. Die Botschaft der Bibel aber adressiert immer den ganzen Menschen – mit Leib, Seele und Geist. Schon das Alte Testament legt viel Wert darauf, dass der Mensch ganzheitlich Heil und Heilung erfährt. Und auch das Neue Testament sieht neben der geistlichen immer auch die seelische und soziale Not. Genau hier leisten Diakonie und Seelsorge einen wichtigen Beitrag. Wo Menschen von Christen Wertschätzung erfahren – ohne Ansehen ihrer Person oder gesellschaftlichen Position –, öffnen sie sich häufig auch der Botschaft des Evangeliums. Wenn z. B. ein Ehepaar in der Krise nach Hilfe sucht und im Laufe der Beratung nicht nur seine Ehe retten lernt, sondern darüber hinaus auch zum Glauben findet, wird klar, wie dicht seelsorgerliches Handeln und Verkündigung beieinander liegen.

Muss darum gute Theologie immer auch seelsorgerliche Theologie sein? Ja, denn Seelsorge ist die Anwendung theologisch-biblischer Wahrheiten auf das Leben. Theologie heißt ja wörtlich: Reden von Gott. Genau das tun wir auch in der Seelsorge. Menschen werden bereichert, wenn sie Gott und sein Wort kennenlernen. Und wenn sie dann beginnen, Gottes gute Lebensregeln ernst zu nehmen, erfahren sie Segen: Ihr Leben kommt auf allen Ebenen ins Reine, sie werden Stück für Stück heil.

Was unterscheidet die christliche Lebensberatung von rein säkularen Hilfsangeboten? Das biblische Menschenbild geht davon aus, dass Leib, Seele und Geist untrennbar zusammengehören und der Mensch nur ganzheitlich gesehen werden kann. Ganz anders die Griechen der Antike: Für sie bestand der Mensch nur aus Leib und Seele. Den Geist, das Spirituelle, ließen gesondert außen vor. Das hat auch die Psychologie lange Zeit getan. Glücklicherweise entdeckt die Forschung und mit ihr viele Psychologen und Therapeuten mittlerweile immer mehr, dass die spirituelle Komponente ein unverzichtbarer Bestandteil bei der Behandlung eines Menschen ist.

Was kann Seelsorge leisten, wo sind ihre Grenzen? Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine Grenze setzt der Ratsuchende selber, indem er festlegt, ob und inwieweit er sich helfen lassen will und ob er etwas für seine Gesundung tun bereit ist. Eine andere Grenze wird durch die bestehende oder aber fehlende Qualifikation der Seelsorger gezogen. Erst in den letzten Jahren haben viele theologische Ausbildungsstätten hier ihre Verantwortung erkannt und lassen ihre Absolventen neben der theologischen Ausbildung häufig auch zu Seelsorgern und Lebensberatern ausbilden. So biete ich z. B. am Theologischen Seminar Rheinland unseren Studierenden den Grund- und die Aufbaukurse der Biblisch-Therapeutischen Seelsorge (BTS) an. Dabei wird nicht nur das Know-how seelsorgerlicher Beratung vermittelt, sondern auch die Zusammenarbeit  von Seelsorgern mit Therapeuten und Ärzten betont. Dort, wo Menschen ihre Beziehung zu Gott oder Menschen problematisch erleben, kann die biblisch-seelsorgerliche Begleitung zur Lösung und Heilung betragen. Denn der Mensch, der von Gott erschaffen wurde, findet in der Bibel die Grundlage für sein Heil, was auch die Heilung seiner Seele umschließt. Bei echten psychischen Erkrankungen jedoch kommt man mit reiner Seelsorge in der Regel nicht weiter. Wer glaubt, hier allein mit der Bibel in der Hand therapieren zu können, überschreitet definitiv seine Grenzen. Hier muss ein Seelsorger verantwortungsvoll handeln und Ärzte und ausgebildete Therapeuten hinzuziehen.

Und wie finanziert sich die Seelsorgearbeit von NEUES LEBEN? In der Regel werden die Kosten für die Beratung von den Ratsuchenden selbst getragen, manchmal hilft die Familie oder auch die Gemeinde. Aber es gibt auch Fälle, wo das nicht möglich ist. Dann übernimmt Neues Leben die Beratungskosten, was wiederum nur durch die Hilfe treuer Freunde möglich ist, die speziell für diese Arbeit spenden (Spendenkonto, siehe Kasten). Hier freuen wir uns natürlich über weitere Unterstützung, denn wir möchten unsere Hilfe weiterhin jedem schenken, der sie braucht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Entnommen aus ERLEBT 02-2014, NEUES LEBEN e.V.,
Das Interview führte Sabine Müller